Montag, 14. November 2016

Die Tetris These

Tetris-Steinchen sind die Elementarteilchen des Universums – Menschen, Gebäude, Gefühle, Tiere und Pflanzen, kurz gesagt alles, ist aus Tetris-Steinchen aufgebaut. Jeder dieser Steine repräsentiert eine andere Information. Die Welt ist also nüchtern gesehen eine reine Informationsmasse, die aus diesen Tetris-Steinchen besteht. Jede Sekunde prasseln Abermillionen von Tetris-Steinchen in unser Bewusstsein. Wir können diesen Steinchen Bedeutung geben, und so einbauen, wie es für uns am meisten Sinn macht.

So lautet die Grundlage der Tetris-These von Martin Jüstel. Der Text ist sehr fesselnd geschrieben – er baut in seinem Text die These noch etwas weiter aus, und lässt noch einige der Gedanken und Ideen, die er in seiner Kindheit hatte, einfliessen. Er schreibt, dass er oft darüber nachdenkt, ob andere die Welt genauso sehen, wie er sie sieht: beispielsweise, ob jeder Mensch die Farbe «Rot» auch als rot sieht oder als blau. Er versucht eine Erklärung dafür zu finden, wieso Ausserirdische im Fernsehen immer als tierähnliche Wesen oder Humanoide dargestellt werden. Und noch viele andere werden mit dieser Tetris These versucht zu erklären.

Ein kleiner Abschnitt des Textes hat mich an etwas erinnert, was ich mir früher auch öfters vorgestellt habe. Der Autor erwähnt, dass alles, was wir je erleben, nichts weiter als ein Gebilde von Abermillionen Tetris-Steinchen sei. Jeder Mensch hat seine ganz individuelle Form kreiert, und fügt durch Eindrücken und Erlebnissen ständig neue Steinchen hinzu. Dies passiert unser Leben lang, bis wir Game Over sind, so der Autor. Was der Autor sich nach dem Game Over, beziehungsweise den Tod, vorstellt, wurde nicht näher erklärt, doch das spielt jetzt keine Rolle – die Vorstellung, die ich in meiner Kindheit oft hatte, kann dies näher erläutern.

Meine Familie ist sehr religiös. Schon seit ich denken kann, erinnere ich mich an Sonntage, die in der Kirche und Sonntagsschule verbracht wurden. Ich war schon früh Teil von verschiedenen Bibelgruppen, und der Freundeskreis meiner Eltern enthielt viele Christen. Deshalb ist es kein Wunder, dass mir oft Bibelgeschichten vorgelesen wurden und mir unter anderem vom Himmel erzählt wurde, und dass gute Menschen nach dem Tod dahin kamen. Ich fragte mich oft, wie die Menschen dann überhaupt dahin kamen. Es ist ja physikalisch unmöglich, aus einem Holzsarg auszubrechen, vor allem, wenn man kremiert wird!

Ich fand später heraus, dass es so etwas wie eine «Seele» gibt, die sich im Inneren eines Menschen befindet, die das Gemüt eines Menschen wiederspiegelt. Man kann die Seele nicht spüren, so wie man seine Hand oder sein Bein spürt, und wenn man stirbt, lebt die Seele weiter und geht entweder in den Himmel oder in die Hölle. Dies beantwortete meine Frage, wie die Menschen in den Himmel kamen, doch es fiel mir als sechsjähriges Mädel schwer, sich die Seele als «Nichts» vorzustellen. Also gab ich ihr Form, und baute die Form und das System der Seele während meiner Kindheit immer weiter aus.

Jedes Baby, das auf die Welt kommt, hat eine Seele, die einer unbemalten, leeren Leinwand gleicht. Alle Babys haben bei der Geburt die gleiche Seele, die keinen Inhalt hat und von nichts und niemandem geprägt ist – bei der Geburt ist also jeder gleichwertig, weder gut noch böse. Bei der Geburt hat man keine aussagekräftige Seele, die die Persönlichkeit und das Gemüt des Menschen wiederspiegelt. Nun bleibt dies aber nicht lange so. Menschen entwickeln natürlich verschiedene Persönlichkeiten, und dies muss sich natürlich auch in der Seele wiederspiegeln. Sobald das Baby anfängt zu hören, zu weinen und zu schlafen, fängt die Seele an, sich nach der Stimmung des Babys zu gestalten. Wenn das Baby oft lacht, dann färben sich Teile der Leinwand vom neutralen weiss in fröhliche Farben wie gelb, rosa oder hellgrün um. Ist das Baby oft ruhig, dann färben sich vielleicht Teile der Leinwand in hellblau oder dunkelblau um. Blau repräsentiert nämlich Ruhe und Gelassenheit.
Sobald das Baby zu einem richtigen Menschen heranreift, wird die Seele währenddessen immer weiter bemalt. Die Gedanken und Gefühle des Menschen beeinflussen die Seele, sowie die Worte und der Geschmack des Menschen.


Wenn ein Mensch kreativer Art ist, oft positiv denkt und sich oft in der Natur aufhält, dann entsteht vielleicht eine Blumenwiese auf dieser Leinwand. Wenn der kreative, positive Mensch älter wird, und seine Lebensfreude nicht verliert, kommen vielleicht noch prächtige, farbenfrohe Schmetterlinge dazu, die in dieser Blumenwiese umherschwirren.

Wenn ein Mensch beispielsweise eher nachdenklich ist und noch spät wach ist, dann entsteht ein Nachthimmel mit einem klaren, leuchtenden Mond hoch im Himmel. Wenn der Mensch im Alter bitter und trist wird, dann nimmt der Mond ab, oder Wolken verdecken die Sicht auf die Sternbilder.


Einschneidende Ereignisse wie Traumas oder schlimme Krankheiten können ebenfalls harte Markierungen auf der Seele hinterlassen. Meist zeigen sie sich in Form von schwarzen Flecken oder Rissen auf der Leinwand. Aber auch fröhliche Ereignisse machen sich auf der Seele bemerkbar – in Form von farbigen Flecken oder Sonnenschein. Zu den fröhlichen Ereignissen zählen grosse Dinge wie eine Hochzeit, die Geburt seines Kindes oder wenn man einen Nobelpreis erhält, aber auch die kleinen Dinge wie ein Kompliment oder einen Schokoladenkuchen von seiner Freundin zählen dazu.

Die Seele des Menschen, die einst so leer war, hat sich im Laufe des Lebens zu einem farbenprächtigen Mosaik entwickelt, dass sich von der Persönlichkeit, der Stimmung, den Gedanken, den Vorlieben und Entscheidungen gekennzeichnet hat. Bei jedem Menschen sieht sie natürlich anders aus, da jeder Mensch die Zeit auf der Erde anders erlebt, anders denkt und eigene Vorlieben hat. Und sobald der Mensch stirbt, löst sich das Kunstwerk vom menschlichen Körper und geht in den Himmel hinauf.


Der Körper, mit dem man geboren wurde, repräsentiert nur die genetische Summe der Eltern. Wenn man also ein pickeliges Gesicht, fettige Haare und Stinkefüsse hat und gerade mal 1m 30 ist, dann hat man auf der Erde vielleicht die eine oder andere Herausforderung deswegen. Aber wenn man eine vom Leben gekennzeichnete, wunderschöne Seele hat, dann ist man trotzdem auf seiner Weise schön – auch wenn auf der Erde niemand diese Schönheit mitbekommt. Im Himmel ist man nicht mehr in seinem menschlichen Körper, dort zählt nur die Seele und die inneren Werte des Menschen, und man wird für das gesehen, was man ist. 

Kommentare:

  1. Wow. Ich muss wirklich sagen, dass du mich sehr beeindruckst, wie du den Gedanken der Tetris-These weitergeführt hast. Deine Überlegungen und Erklärungen haben mich nachdenklich gemacht. Ich habe mich gefragt zu welcher "Sorte" ich gehöre und wie meine Leinwand aussieht...
    Stella :)

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    1. Danke für den lieben Kommentar. Jetzt, wo du es erwähnt hast, frage ich mich nun auch, wie meine Leinwand wohl aussehen mag :)

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  2. Ich finde die Art, wie du die Tetris-These weiterentwickelt hast, sehr spannend. Ich habe mir die 'Entwicklung' einer Seele noch nie von deiner Seite her angesehen, aber ich muss zugeben, dass mir deine Ansicht sehr gut gefällt. Ich frage mich, ob das deine ganz persönliche Theorie ist oder ob du ein Vorbild davon hattest.

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    1. Danke :) Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ein Vorbild für diese Theorie hatte. Doch es gibt viele Sprüche und Weisheiten über die "inneren Werte" eines Menschen, und ich denke, sie haben mich auf eine Art beeinflusst.

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  3. Oha, ich liebe diesen Text!
    Ich habe mir schon oft Gedanken gemacht was nach dem Tod ist, ob man mit Einhörnern über einen Regenbogen reiten kann oder, was physikalisch irgendwie sinnvoller wäre, einfach ganz schön viel Nichts ist, also es einfach schwarz und dunkel wäre, nach dem Tod. Aber von dem hätte ich ganz schön Angst. Also hoffe ich, dass aus mir irgendwann eine farbige, und mit möglichst vielen und schönen aber auch lernreichen Erinnerungen, vollgekleckerte Leinwand in den Himmel emporsteigt. Ich glaube genau jetzt brauchen wir so eine These, denn heutzutage wird man immer öfter nach dem Äusseren beurteilt, man wird als Frau oder mit einer anderen Hautfarbe anders und meistens schlechter behandelt. Die Menschheit sollte wieder lernen auf das Innere zu achten und ich glaube so eine These oder solche Gendanke wie du hast, helfen dabei!

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    1. Danke :) Ich bin auch der Meinung, dass man wieder lernen sollte, auf das Innere zu achten.

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  4. Du schreibst extrem klar und nachvollziehbar, und deine Worte berühren mich richtig. Ich habe schon lange keine so schöne Theorie gehört wie deine, mit Leinwändern als Seelen und Farben als Erlebnissen. Ich male extrem gerne und die Vorstellung, dass mein ganzes Leben ein Bild auf meiner Seele zeichnet - einfach nur Wow. Schreib weiterhin deine Gedanken auf, ich freue mich, sie zu hören!

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  5. Ich schließe mich den Vorrednerinnen und Vorrednern an: Das ist ein beeindruckender Text, der wirklich auf eine überraschende, aber nachvollziehbare Weise an den Ausgangstext anknüpft. Besondere Komplimente haben sie für Ihre Offenheit und für Ihren Stil verdient: Viele Sätze sind Perlen, die den Text weiterführen und doch prägnant sind.
    (Nur: Ich denke nicht, dass Menschen Seelen haben. Und finde das eigentlich recht tröstlich.)

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  6. Ich schließe mich auch an. Ihr Text berührt mich durch Ihre Offenheit und Ihre Suche danach, zu verstehen. Mir fielen im Zusammenhang mit der Frage, ob es eine Seele gibt oer nicht, sofort Bilder aus Texten des vorchristlichen griechischen Philosophen Platon ein, v.a. ›Phaidon‹ und ›Phaidros‹. Wenn Sie das interessiert, hier ist ein Link zu ersterem (Wikipedia, von der Mitte des zweiten Abschnitts an): https://de.wikipedia.org/wiki/Phaidon

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